Der gestrige Tag startet mit blauem Himmel – auch heute ist wunderschönes Wetter, die Bewölkung,die sonst typischerweise im Herbst in Valparaíso vorherrscht ist verschwunden. Die Straßen Valparaísos wirken frühlingshaft: Die Farben der Hauswände wirken viel freundlicher und heller, die Häuser werfen Schatten und die Stadt lebt spürbar auf. Überall auf den Straßen sind Einwohner zu sehen: Hausfrauen gießen die Blumen am Straßenrand, in den Einkaufsstraßen treten sich die Passanten gegenseitig auf die Füße, um frisches Obst, Gemüse oder Fleisch zu erstehen. Vor einem Regierungsgebäude – Valparaíso ist Parlamentssitz - sind Schulklassen, die gegen irgendetwas lautstark mit Sprechgesängen protestieren, während Marktschreier ihre Produkte anpreisen. Im Zentrum eilen Banker durch die Straßen, um die Mittagspause bestmöglich zu nutzen und Taxis und Busse streiten sich um den schnellsten Weg durch die Straßen. Studenten sitzen im Park an der Avenida Brasil und genießen die Sonnenstrahlen, so dass sich schon die Frage aufdrängt, ob eigentlich jemand in den Vorlesungen sitzt.
Bei diesem schönen Wetter bietet sich endlich die Chance, ein paar schöne Photos zu machen, und so starte ich gegen 12 Uhr im Cerro Alegre, wo ich wohne, einen ungeplanten Rundgang durch Straßen und Gassen. Die überall gegenwärtigen Restaurants, Cafés und kneipen sind packend voll: Mittagessenszeit. Nach dem Mittagessen im “Filou de Montpellier” entscheide ich mich, dem hiesigen Haus Pablo Nerudas einen Besuch abzustatten: La Sebastiana ist der Name. Um dorthin zu kommen, nehme ich ein Micro, einen der Kleinbusse, die überall in der Stadt in halsbrecherischem Tempo die Hügel erklimmen – schnelles Anfahren und Vollbremsungen gehören hier zum normalen Fahrstil – selbst wenn es nur der normale Busstop ist. Das Micro 612 Richtung Viña del Mar bringe ich per Winken zum Anhalten, so dass ich einsteigen kann. Auf dem Weg zur Avenida Ferrari, wo La Sebastiana ist, fahren wir die Av. Alemana entlang, vorbei an Stichstraßen, die Namen wie Av. Bismarck haben. Die Strecke auf der Av. Alemana bietet wunderschöne Aussichten auf Hafen und Bucht, und, angekommen in Pablo Nerudas Haus, zeigt sich, dass auch die Aussicht aus dem Haus heraus spektakulär ist.
La Sebastiana ist ein mehrstöckiges Haus, das noch komplett so möbliert ist, wie es Pablo Neruda damals hinterlassen hat – inzwischen wird es als Museum betrieben und ist eine der Sehenswürdigkeiten Valparaísos. Skurrile Einrichtungsgegenstände, wie z.B. ein Karusselpferd im Wohnzimmer zeugen von Nerudas interessantem Geschmack.
Nachdem ich einen Anruf von Leyla bekommen habe, dass wir uns eine Stunde später in der Innenstadt treffen könnten, nehme ich ein Micro zurück nach Cerro Alegre, und mach mich von dort aus auf den Weg nach “El Plan”, die Innenstadt, wo Leyla in einem Institut für maritime Biologie arbeitet. Dort erhalte ich von ihr und Kollegen eine kleine Führung und Erklärung was dort untersucht und erforscht wird und später machen wir uns auf den Weg zur Schwesterstadt Viña del Mar.
Diese Stadt, nur wenige Minuten von Valparaíso entfernt, könnte kaum gegensätzlicher sein: Teurere Autos auf den Straßen, ein Casino, eine Strandpromenade und viele, z.T. sehr häßliche Neubauten. Während wir noch den Sonnenuntergang zusammen mit wahrscheinlich der halben Stadtjugend am Strand mitbekommen essen wir noch kurz ein Gebäck, das deutschen Schweineohren sehr nahe kommt und betrachten die Sandskulpturen am Rand der Strandpromenade. Als es dunkel ist, wandern wir noch zu einem Imbiss, wo ich den größten Burger, den ich je gesehen habe für knappe 3 Euro vorgesetzt bekomme: Schweinebraten mit Avocadocrème (Palta heißt das hier) sind drauf, aber die Avocadocrème in unglaublichen Mengen, der Burger ertrinkt förmlich in ihr – wie die Chilenen es halt mögen… Leyla isst ein anderes chilenisches Nationalgericht: Wiener Würstchen in leicht pappigem Weißbrötchen mit ein wenig Gemüse drin und unglaublichen Mengen an Mayo, Avocadocrème – einen sogenannten Completo.
Nach einem kurzen Einkauf im Supermarkt, wo wir als Party-Mitbringsel zwei Flaschen guten chilenischen Wein erstehen, fahren wir zurück nach Valparaíso, um dort der Einladung eines Arbeitskollegen zu folgen, der seinen Geburtstag feiert. Dort angekommen, stellt sich schnell raus, dass auf der Dachterasse des Hochhausneubaus in dem er wohnt, ein Asado stattfinden wird. Der Blick von dieser Terasse auf das nächtliche Valparaíso ist wiedereinmal spektakulär und während Bier und Wein, Rum und Vodka-Mischgetränke in nicht zu verachtenden Mengen verzehrt werden, das Fleisch auf dem Grill langsam vor sich hinbrutzelt, und ich versuche, den Gesprächen der anderen zu folgen bzw. selbst dran teilzunehmen, trudeln immer mehr Leute ein – darunter auch eine Kolumbianerin.
Später am Abend unterhalte ich mich mit ihr, und sie erzählt mir, dass auch sie Meeresbiologin ist und deswegen hier in Chile arbeitet. Sie habe aber eine kleine Schwester in Bogotá, und wenn ich wolle, könne sie Kontakt herstellen, so dass diese dort treffen könne… Die Welt kann wirklich einfach sein, es scheint, als ob man immer irgendwelche Leute trifft, die wiederum Kontakte in Regionen haben, die sich mit meinen Reisezielen decken…
Wir feiern noch bis 2:30 Uhr weiter, und ich habe Gelegenheit mich mit verschiedensten Leuten zu unterhalten: Die meisten interessiert natürlich, wo ich herkomme, was ich vorhabe und wie mir Chile gefällt, aber es ist schon interessant, wie z.B. Schule und Kindergarten organisiert sind, wie die Internetabteilung der Polizei in Chile arbeitet, oder dass einige, sehr lateinamerikanisch aussehende Leute auf einmal mit einem deutschen Nachnamen, geerbt von der väterlichen Seite, aufwarten.
Heute werde ich noch eine E-Mail an Diana, die Kolumbianerin, schreiben, damit sie ihrer Schwester meine Kontaktdaten geben kann und ich im Gegenzug auch die Daten ihrer Schwester erhalte.Außerdem muss ich noch meinen Flug nach Kolumbien buchen, laut dem Besitzer des Hostels – er ist der Autor des Footprint Reiseführers für Chile – könnte das ganze interessant werden: Die Flüge auf der chilenischen Internetseite scheinen günstiger zu sein als auf der englischsprachigen Seite und z.T. wird wohl nach der Kreditkartenprüfung noch der Preis geändert, da eine europäische Kreditkarte entdeckt wurde. Falls der Preisunterschied zu hoch ist, hat er mir empfohlen, in ein LAN Chile Reisebüro zu gehen und statt über das Internet dort zu buchen. Außerdem will ich auch noch zum Oasis-Konzert in Santiago am 4. Mai, wofür ich allerdings noch Karten benötige.
Vom gestrigen Erdbeben, 1600km nördlich war hier in Valparaíso übrigens nichts zu spüren, anscheinend war aber Arica betroffen. Inzwischen hat auch meine Dusche warmes Wasser, so dass ich auch mal wieder lange duschen konnte.
VN:F [1.8.3_1051]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)
VN:F [1.8.3_1051]