Land des Regens, Land der Stürme

26.10.2009 – 28.10.2009 Castro, Chiloé, Chile

Castro

Castro

Regen: Sprühregen, Nieselregen, dicke Tropfen, kleine Tropfen, gewürzt mit mal schwachen, mal starken Böen. Dunkles Grau wechselt sich ab mit hellem Grau, zwischendurch spendet die Sonne ein paar kostbare Strahlen von Frühlingswärme, aber schon wenige Sekunden später muss sie sich dann doch Wind und dem Wetter-Phänomen El Niño geschlagen geben. Wolken jagen in irrwitziger Geschwindigkeit über den Himmel, türmen sich auf, begießen das tiefgrüne, fruchtbare Land und die Felder mit Niederschlägen. Die Insel Chiloé ist bekannt für dieses Wetter, dessen Harschheit Chiloé zum Armenhaus Chiles gemacht hat: einige vorgelagerte Inseln haben bis heute keinen Strom, die Menschen leben von Fischfang und Ackerbau, Viehwirtschaft und seit kurzer Zeit vom Tourismus.

Die Menschen hier in Castro scheint das alles nicht wirklich zu stören: Vor mir, auf der Straße, erledigt eine alte Frau seelenruhig ihre Einkäufe, ohne Regenschirm, Regenjacke oder sonstigen Schutz vor den Elementen, gutgelaunt, gemächlich. Im Zentrum der Stadt sammeln sich Jugendliche auf dem zentralen Platz, spielen gelangweilt mit ihren Handys, unterhalten sich mit Freunden oder probieren neue Stunts mit ihren Skateboards. Freundlich und ehrlich sind die Menschen hier, als ich im Restaurant Wildschwein (Jabalí) auf der Karte entdecke und bestelle, rät mir der Kellner davon ab – das Fleisch sei sehr zäh, er könne es nicht empfehlen. Es sei leider sehr schwer, zu dieser Zeit des Jahres, frisches, gutes Wildschweinfleisch zu bekommen. Ich esse stattdessen einen zarten Rehrücken guter Qualität für einen lächerlich niedrigen Preis.

Das Hostal Cordillera, in dem ich unterkomme ist heimelig: Wohnzimmer mit Kamin und Pudel, dessen Lieblingsbeschaeftigung das Sitzen auf der Sessellehne ist, von wo aus er die vor dem Haus vorbeiführende Straße bestens beobachten kann. Im Kamin glühen knisternd Holzscheite, spenden Wärme für Wohnzimmer und Küche. Auch im zweiten Stock wird mit Kamin geheizt, ein kleiner Holzkaminofen bollert Tag für Tag, Nacht für Nacht und erhitzt die sich dort befindlichen Zimmer und Dormitories. Die Hausherrin ist herzlich, bietet ihren Kaffee, endlich mal echter, kein Instant-Kaffee, an und unterstützt bei Fragen. Eine so herzliche und familiäre Atmosphäre habe ich in noch keinem Hostel erlebt. Ebenfalls dort untergekommen sind zwei Amerikaner, ein paar Schweizer und eine Deutsche. Die Amerikaner versuchen am nächsten Tag, dem Montag, ihr Glück im Nationalpark, aber als sie Stunden später bis auf die Haut durchnässt wiederkommen, sprechen sie von einem Fiasko: Keine Tiere, da diese dem Regen in ihre Höhlen, Nester und Bauten entflohen sind. Stattdessen Matsch und Regen, Sturm und Böen. Es war eine gute Entscheidung, das Hostal nicht zu verlassen, auch wenn ein Tag im Hostel sehr lang sein kann.

Am nächsten Morgen klart der Himmel auf und die Morgensonne taucht die Frühstückstische in Wärme und Licht. Somit steht einem Besuch des Ortes Achao mit seiner Kirche nichts entgegen. Es ist Dienstag, der 27.10.2009. Zusammen mit der Deutschen, nehme ich einen örtlichen Bus, dieser fährt, vorbei an den für Chiloé typischen Palafitos, den Pfahlhäusern, Richtung Norden zur Küste, setzt mittels kurzer Fährfahrt auf die Insel über und kommt schließlich, nach weiteren 10 Minuten Fahrt, in Achao an. Inzwischen hat leider das Wetter umgeschlagen und das mir so wohlbekannte Wetter zeigt sich: Böige Winde mit Sprühregen peitschen durch die Straßen auch dieser Stadt. Als wir an der vollständig aus Holz errichteten Kirche ankommen, stehen schon zwei ratlos erscheinende Nonnen vor der Tür. In kleiner Schrift hängt dort ein Zettel: “Dienstags geschlossen”. Wir versuchen noch einen Kaffee zu ergattern, aber außer dem nirgendwo geliebten, aber überall genutzten und verbreiteten Instantkaffee läßt sich nichts finden. Wir verzichten auf den Kaffee und nehmen den Bus zurück nach Castro, wo im Hostel frischer Kaffee auf uns wartet.

Der Mittwoch ist der letzte Tag im regnerischen Chiloé: Nachmittags besteige ich den von Cruz del Sur betriebenen Reisebus, um die nächsten zwei Tage in Puerto Varas zuzubringen.

VN:F [1.9.17_1161]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)
VN:F [1.9.17_1161]
Rating: 0 (from 0 votes)

Verwandte Artikel:

  1. Herbststürme im Frühling
  2. Trekking in Torres del Paine
  3. Freiwilligenarbeit in Popayan