Blumenfanatiker in Medellín
Nachdem die letzten Wochen nicht allzuviel hier in Popayán passiert ist, stand am letzten Wochenende ein kleiner Ausflug nach Medellín an: Am Donnerstag morgen stehe ich daher um 5 Uhr auf, da um 6 Uhr Treffpunkt bei Gustavo sein soll. Gustavo hat unsere Spritztour organisiert und zu acht wollen wir Medellín anläßlich der alljährlichen Feria de las Flores (übersetzt heißt das Blumenmesse), dem größten Volksfest des Jahres in Medellín, heimsuchen.
Als ich bei Gustavo, der nur 3 min. entfernt von mir wohnt, ankomme sind schon die beiden Mädels der Gruppe dort und gemeinsam warten wir, einen Cafe Tinto schlürfend darauf, dass der angeheuerte Wagen samt Fahrer auftaucht. Das tut er auch ungefähr 2 Stunden später, was nach kolumbianischer Zeitrechnung zwar nicht pünktlich, aber noch erträglich ist. Die Koffer runterschleppend darf ich dann einen ersten Eindruck von unserem Gefährt gewinnen: Ein Kia Kombi mit 9 Sitzen…ich hatte mir eigentlich einen Kleinbus erhofft, aber der Preis war wohl zu gut, um nicht diesen Wagen zu nehmen.
Wir sammeln also die anderen nach und nach ein und verlassen Popayán gegen 8:30 Uhr in sportlichem Tempo, abenteuerliche Überholmanöver inbegriffen. Für die Fahrt sind ca. 12 Stunden anzusetzen, was in diesem kleinen Wagen wohl noch interessant werden wird. Auf der anderen Seite bin ich ja seitdem ich in Südamerika bin durchaus einiges an Reisezeiten gewöhnt, mit einem Rekord von 26 Stunden im Bus von Ipiales nach Bogotá.
Beim ersten Halt wird dann auch der Grundstock für ein immer wiederkehrendes Ritual der Autopflege gelegt, das Kühlwasser (ja, es ist wirklich Wasser, keine Kühlflüssigkeit) muss nachgefüllt werden. Weiter geht’s, an Cali vorbei, ab in die Zona Cafetera um Manizales und Armenia. An Pereira vorbei, wo eindrucksvolle Kaffeeplantagen die Straße säumen hin Richtung Medellín, das wir gegen 20 Uhr erreichen.
Dort erwartet uns ein Apartment im Stadtteil Laureles, das allerdings nur für 7 Personen ausgestattet ist. Da Gustavo Familie in Medellín hat, schläft er dann halt dort, die Mädels Angela und Sandra nehmen sich das einzige Zimmer mit eigenem Bad und der Rest teilt sich auf Wohnzimmer und zweites Schlafzimmer auf.
Abends geht’s dann noch auf einen Improvisations-Gesangs-Wettbewerb im Rahmen der Feria de las Flores, wo sich jeweils zwei Kombatanten ein Frage-Antwort Duell singend liefern. Ziemlich langweilig für mich, da ich im Grunde nichts verstehe – zuviele Wörter sind mir unbekannt, da straßenkolumbianisch.
Am nächsten Morgen stehen wir dann gegen 8 Uhr auf und machen uns auf den Weg in die Umgebung Medellíns: Las Palmas und Rio Negro erwarten uns, leider aber kein genießbares Frühstück, da ich morgens um neun wirklich kein fettiges, warmes Essen à la Mittagessen (Comida corriente) verdrücken kann. Also kauf ich kurz nen Joghurt und hoffe auf das Mittagessen.
Nachdem wir in Las Palmas und Rio Negro die Handwerksläden besucht haben und ein wenig die Städte angeschaut haben, essen wir kurz zu Mittag und dann geht’s auch schon schnell wieder zurück ins 20km entfernte Medellín, wo die Hauptparade ansteht: Der “Desfiles de los silleteros” (oder so ähnlich).
Das ganze ist verblüffend: Überall werden natürlich auf der Straße Ponchos und Hüte verkauft, unerlässliche Accessoires des loyalen Paisas, sprich Ureinwohners der Region Antioquía, in der sich Medellín befindet. Auch Getränkeverkäufer (“Cerveza, Cerveza, Cerveza…”) sind niemals weit, öffentliche Toiletten dafür nicht-existent. Zum Glück gibt es aber ein Restaurant in der Nähe, wo ich dann auch gerne hin bin. Während vor Beginn der Parade die Massen noch einigermaßen ruhig sind, glücklich auf ihren angemieteten Stühlen über die Köpfe der vorderen Reihen blicken oder für viel Geld auf einer Tribüne einen VIP-Platz gefunden haben, Merchandising Teams der Biermarke Pilsen Riesenflaschen und T-Shirts verteilen (Ja, ich hab eins!) und die Hutverkäufer einen übers Ohr hauen wollen (statt 50000 hab ich dann doch nur 20000 gezahlt…) , Uralt-Kampfflugzeuge in Formation über die Köpfe donnern und ein Militärhubschrauber Blüten über die Menschenmengen verstreut ändert sich das ganze schlagartig als die Parade losgeht: Es entsteht ein Gedränge und Geschiebe als ob Michael Jackson überraschenderweise doch noch einen Auftritt geben will, und das alles nur wegen ein paar Leuten, die Blumenkränze umhertragen. Die sind allerdings auch sehr schön anzuschauen. Nach einer halben Stunde wird mir das jedenfalls zu blöd und ich setz mich, ein Bier genießend ein paar Reihen hinter den fanatischen Blumenmädchen und -jungen zu den anderen, die auch schon genug Körperkontakt gefühlt haben.
Als wir danach erschöpft ins Apartment zurückkommen um uns “kurz” auszuruhen war’s das auch schon – irgendwie hat zu meinem großen Bedauern keiner mehr Lust, sich in das freitägliche Nachtleben Medellíns zu stürzen, weder die Leute mit denen ich in Medellín bin, noch die Bekannten, die ich dann anrufe und die mir dann versprechen, dass wir uns am Samstag sehen würden.
Der Samstag beginnt wieder früh, diesmal steht eine Tour ins Zentrum, zum Museum Botero und zu den Seilbahnen an: Die Stadt Medellín hat im Rahmen der Integration der sozial schwachen Randgebiete auf den Hügeln Seilbahnen gebaut, die den Bewohnern nun seit 2004 bzw. 2006 ermöglichen, die Innenstadt in endlicher Zeit zu erreichen und somit auch dort Arbeit anzunehmen. Soweit mir bekannt ist, ist das ganze so erfolgreich, dass die Slums wesentlich sicherer geworden sind und insgesamt eine Verbesserung der Lage eingetreten ist. Caracas in Venezuela kopiert das Modell jedenfalls jetzt. Dennoch ist aus den Liften zu sehen, in welch ärmlichen Verhältnissen manche Bewohner der Stadt leben müssen – einfachste Hütten, deren Dächer mit Steinen beschwert und damit fixiert sind, ohne Strom (oder mit illegal abgezapftem Strom aus nem Mast), keine Straßen, und ein Abwassersystem kann ich mir schwerlich dort vorstellen.
Später am Tag schauen wir uns dann den “Desfiles de los carros antiguos y históricos” (oder so ähnlich) an, eine Autoparade, bei der die meisten Autos allerdings weder alt, noch historisch sind und wo die Automarken dick Werbung machen. Als Auflockerung haben sich manche, z.B. Pilsen, Wagen mit Aufbauten organisiert, wo laut Musik aus den Boxen dröhnt und Tänzerinnen sehenswert ihre Tanzkünste präsentieren. Wir überleben das ganze unbeschadet trotz der Pferde-Polizeistreife hinter uns, deren bockiges Pferd im Takt durch die Gegend tanzt, und während sich die anderen zum Shoppen aufmachen, lass ich mich in Poblado, einem anderen Stadtteil Medellíns absetzen.
Dort will ich mit Marián treffen, der Spanierin, die mich während meines ersten Aufenthaltes in Medellín ins Krankenhaus begleitet hatte. Da die Avenida Las Vegas leider gesperrt ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Weg zu ihrer Wohnung zu Fuß zu suchen und zu beschreiten, was sage und schreibe 40min. dauert.
Als wir uns dann endlich treffen, machen wir uns zunächst ein weiteres Mal auf den Weg zur Clinica Las Vegas, da diese trotz sicherlich 20-30 Anrufen sich nicht in der Lage gesehen hatte, die Resultate meines Dengue-Antikörpertests zu faxen, per E-Mail zu schicken oder telefonisch durchzugeben. Dort angekommen habe ich nach 5 min. die Ergebnisse in der Hand und darf mich freuen: Trotz der damaligen Beteuerungen zweier Ärzte, es sei zu 95% Dengue und dass ich den Test gar nicht brauche, zeigt der Antikörpertest, dass ich Dengue-Negativ bin, also gar kein Dengue-Fieber hatte…
Von der Klinik machen wir uns dann auf den Weg zur Zona Rosa, DER Parteimeile Medellíns um uns über die vergangenen zwei Monate, die wir uns nicht gesehen haben, auszutauschen und ein wenig was zu trinken. Zwischendurch werde ich immer wieder von Gustavo angerufen, ob ich ein Ticket für das Vallenato-Konzert wolle und wann ich denn käme… Der Plan, ein wenig was zu trinken wird jedenfalls von unserer ersten Station in der Zona Rosa durchkreuzt: Ich bestelle einen Passionsfrucht-Caipirinha und bekomme drei – Happy Hour Aktion, da wehre ich mich dann auch nicht :). Später gehen wir dann noch woanders hin und gegen 23:30 Uhr mache ich mich dann, nachdem ich Marián bei sich zu Hause abgeliefert habe, auf den Weg zur “Carpa Cabarete”, einem Festzelt, wo ein Vallenato Konzert mit einigen der bekanntesten Interpreten Kolumbiens stattfindet (Ohhhhhhh, me gusta, me gusta, …). Nach gefühlten 200 Anrufen nimmt dann auch einer meiner Mitreisenden das Telefongespräch an, so dass sie mich vom Eingang abholen können. Beim Konzert geht es noch lustig mit Tanz und Trank zu, bis wir dann um 4 Uhr morgens wieder im Apartment sind.
Der nächste Tag steht im Zeichen der Rückfahrt: Um 9 Uhr stehen wir auf, frühstücken und gegen 12 Uhr wollen wir dann los. So der Plan. Leider muss das Auto erstmal repariert werden, da der Motorlüfter / Ventilator seinen Geist aufgegeben hat. Nach 2 Stunden ist die Reparatur dann getan und unser Fahrer gibt alles, um die verlorengegangene Zeit wieder aufzuholen. Worauf ich gerne verzichtet hätte… Nach 2 Beinahe-Unfällen beruhigt er sich und seinen Fahrstil und es geht ein wenig gemächlicher weiter, bis wir gegen 20 Uhr im Stau stecken bleiben: Vollsperrung der Straße zwischen Pereira und Cali wegen eines Unfalls. Zwei jugendliche Motorradfahrerinnen sind wohl des nächtens ohne Licht gefahren, wurden von einem Autofahrer nicht gesehen und jetzt gibt es 3 Tote mehr. Nach 2 Stunden des Wartens in Moskito-Central ist das Moskitofestmahl dann aber vorbei und wir können weiterfahren.
Popayán erreichen wir um 3:30 Uhr morgens nach 15 1/2 Stunden Fahrt.
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